Eine anhaltische Insel mitten im Mansfelder Land
Tilkerode besitzt eine ungewöhnliche Landesgeschichte. Jahrhunderte hindurch gehörte der Ort zu Anhalt, während das benachbarte Abberode in einem anderen Herrschaftsgebiet lag. Die Grenze verlief damit praktisch durch die Nachbarschaft. Nach der örtlichen Überlieferung entstanden nach dem Abberöder Brand von 1661 in Tilkerode neue Häuser; der Neuaufbau wird auf 1662/63 datiert. Noch bis 1942 blieb die besondere administrative Zugehörigkeit erhalten.
Das brachte Konflikte, aber auch Chancen. Das kleine Dorf verfügte über einen Wald und unter dessen Boden über Eisenstein. Später sollten gerade die ungewöhnlichen Begleitminerale dieser Erze seine Geschichte verändern.

Das eigentliche Geschäft war Eisen – nicht Gold
Schon im 18. Jahrhundert bauten Bergleute am Eskeborner Berg Eisenerz ab. Schriftliche Bergbauzeugnisse setzen spätestens 1762 ein. Aus dem Revier kamen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts insgesamt schätzungsweise 35.000 bis 40.000 Tonnen Eisenerz. Das Erz wurde unter anderem nach Mägdesprung im Selketal gebracht und dort verarbeitet.
Der Bergbau konzentrierte sich auf zwei Gebiete: das nördliche Eskeborner Revier und den südlicher gelegenen Bereich des Einestollens. Es entstanden Stollen, Schächte, Halden und Wasserlösungsanlagen. In der Blütezeit um 1800 bis 1835 waren zeitweise mehrere Dutzend Menschen mit dem Abbau verbunden. Transport, Holzeinschlag, Fuhrwerke und das Hüttenwesen boten weiteren Familien Arbeit.
Die wirtschaftlich bedeutenden Mengen waren Eisenstein – das Gold blieb eine Ausnahme. Der Untertagebau erforderte dagegen immer höhere Aufwendungen für Wasserhaltung, Sicherung und Transport. Als die Lagerstätten schwieriger auszubeuten waren, endete der regelmäßige Bergbau im 19. Jahrhundert.
1821 fiel ein ungewöhnliches Erz auf – 1825 wurde daraus Gold
Johann Ludwig Carl Zincken (1791–1862), Bergrat und Leiter der anhaltischen Berg- und Hüttenwerke, untersuchte die Mineralvorkommen seines Reviers. Schon 1821 wurden die seltsamen, metallisch glänzenden Seleniderze bekannt. In diesen ungewöhnlichen Verbindungen gelang 1825 der Nachweis von Gold und Spuren von Palladium. Der nach der Entdeckung berühmt gewordene Goldschacht war keineswegs ein reines Goldbergwerk, sondern Teil des Eisensteinabbaus.
Zincken berichtete über das Vorkommen und veröffentlichte seine Untersuchungen. Besonders reizvoll für die Heimatforschung ist eine bis heute nachgewiesene Akte im Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Dessau: „Bericht des Bergrates Zincken auf dem Mägdesprung über die Entdeckung von Gold im Selenbleierz des Eskeborner Stollens bei Tilkerode“, 1825, Signatur Z 18, B 2g 4 Nr. 686. Ein Originaldokument verbindet damit die lokale Geschichte unmittelbar mit der Wissenschaftsgeschichte.
Der kleine Ort lieferte kaum Gold – aber eine geologische Besonderheit, die Wissenschaftler bis heute beschäftigt.
Die 116 Dukaten des Herzogs
Herzog Alexius Friedrich Christian von Anhalt-Bernburg ließ aus dem gewonnenen Edelmetall Erinnerungs- und Geschenkstücke herstellen. Die Dukaten tragen die Jahreszahl 1825 und wurden bei der Berliner Medaillenfirma F. Loos geprägt. Ihre Wertseite trägt die lateinische Umschrift mit dem Herzogstitel. Die Rückseite zeigt den gekrönten anhaltischen Bären über einer Mauer und macht den Ursprung des Metalls mit drei Worten unmissverständlich deutlich: EX AURO ANHALTINO.
Bei nur 116 überlieferten Stücken sind die Münzen heute gesuchte numismatische Raritäten. Bei einer Auktion des Hauses Künker im September 2023 brachte ein Exemplar 8.000 Euro Zuschlag – ein Sammlerpreis, kein damaliger Münzwert. Ältere Spezialliteratur unterscheidet bei der Serie offenbar mehrere Prägevorgänge, obwohl alle Stücke 1825 tragen; die genaue Herstellungschronologie bleibt eine interessante Frage für Münzforscher.


Warum Tilkerode auf den Mineralienkarten der Welt steht
Für die Naturwissenschaft war der kurze Goldrausch beinahe nur der Auftakt. Das Revier enthält zahlreiche seltene Selenminerale, darunter Clausthalit. Gleich vier Mineralarten haben hier ihre Typlokalität: Naumannit, Eskebornit, Tischendorfit und Tilkerodeit. „Typlokalität“ bezeichnet den Fundort, an dem eine Mineralart erstmals wissenschaftlich beschrieben beziehungsweise ihre Typenprobe geborgen wurde.
Das jüngste Beispiel ist der Tilkerodeit, ein Palladium-Quecksilber-Selen-Mineral mit der Idealformel Pd₂HgSe₃. Seine Beschreibung erschien 2020 in der Fachzeitschrift Crystals. Die winzigen Kristallstrukturen wurden mit modernen instrumentellen Verfahren unter anderem durch Forschende des California Institute of Technology und des Deutschen GeoForschungsZentrums untersucht. Das Dorf bei der Eine wurde damit mehr als 190 Jahre nach den Dukaten erneut zu einem Namen in der internationalen Fachwelt.
Vier Mineralnamen aus Tilkerode
- Naumannit – eine Silber-Selen-Verbindung.
- Eskebornit – benannt nach dem Eskeborner Revier.
- Tischendorfit – nach dem Geochemiker Gerhard Tischendorf benannt.
- Tilkerodeit – 2020 beschrieben; ein äußerst seltenes Palladium-Quecksilber-Selen-Mineral.
Spätere Hoffnungen und das Ende der Gruben
1858 kam die reguläre Förderung weitgehend zum Erliegen. In den 1930er-Jahren wurden erneut Arbeiten im Revier angestoßen; aus den Jahren 1935–1937 existieren dazu Akten. Nach dem Zweiten Weltkrieg untersuchte man einzelne Grubenbereiche nochmals. Die letzten Sucharbeiten 1956 führten jedoch nicht zur Wiederaufnahme des Bergbaus.
Geblieben sind Schachtspuren, Halden, Pingen und alte Wegverläufe. Sie zeigen, wie tief die einstige Bergbautätigkeit die Landschaft formte – auch wenn heute wieder Bäume über vielen der alten Arbeitsplätze wachsen.
Der Berggeist im Goldschacht – eine alte Sage
Zum Bergbau gehören nicht nur Akten und Zahlen, sondern auch Erzählungen. Eine örtliche Sage berichtet von zwei Bergleuten, denen im Goldschacht bei nächtlicher Arbeit ein unheimlicher Berggeist erschien. Aus dem Dunkel soll er hervorgetreten sein, schweigend die Männer betrachtet und schließlich Ruhe in seinem Berg verlangt haben. Die Bergleute seien davongelaufen und erst an einer mächtigen Eiche wieder stehen geblieben.
Dies ist eine Sage, kein belegter Bergbauunfall. Sie gehört dennoch zur Heimatgeschichte, weil sie die Ängste und die Vorstellungswelt der Bergleute widerspiegelt. Die sogenannte Dicke Eiche ist heute ein bekanntes Ziel am Bergbaulehrpfad.
Auf dem Bergbaulehrpfad unterwegs
Der etwa fünf Kilometer lange Natur- und Bergbaulehrpfad Tilkerode führt zu ehemaligen Schächten, Stollen und Halden. Er ist als Geopunkt 8 der Landmarke 15 des Geoparks Harz ausgewiesen. Typisch sind die gelben Informationstafeln in Form einer Tanne – die sogenannten Dennert-Tannen. Wer sie liest, sieht im Waldboden plötzlich die Spuren des alten Reviers.
Die ehemaligen Grubenanlagen sind historische Zeugnisse und teils geschützte Bereiche. Für einen Besuch bleibt man auf dem ausgewiesenen Weg und respektiert Absperrungen.
Bilder und historische Spuren zum Weiterentdecken
Originalfotos der alten Bergleute aus Tilkerode sind uns bislang nicht bekannt. Auf Wikimedia Commons gibt es aber aktuelle, frei lizenzierte Aufnahmen der erhaltenen Bergbauspuren, darunter den Zechenkopf und den Alten Eskeborner Stollen. Sie zeigen die Landschaft, in der diese Geschichte spielte:
Zechenkopf – Spuren des alten Bergbaus · Alter Eskeborner Stollen · Weitere Bilder aus dem Tilkeröder Revier

Die wichtigsten Jahre
Was bleibt?
Vierhundert Gramm Gold machten Anhalt nicht reich. Aber aus ihnen wurde eine Münze, die Menschen noch zwei Jahrhunderte später beschäftigt. Das größere Vermächtnis von Tilkerode ist unsichtbar: eine besondere Geologie, wissenschaftliche Entdeckungen, die Geschichten der Bergleute und ein Wald, dessen Boden von Stollen und Schächten durchzogen ist.
Wer alte Bergwerksfotos, Erzstücke aus Familienbesitz, Namen von Bergleuten oder Briefe aus der Zeit besitzt, kann helfen, auch die menschliche Seite dieser ungewöhnlichen Geschichte zu erzählen. Hinweise an abberode@boennhoff.eu.
Quellen und weiterführende Literatur
- Eigener Heimatvortrag „Das Gold von Tilkerode“, private Manuskriptfassung.
- Regionalverband Harz: Gold, Silber, Selen und Eisenerz – Bergbaulehrpfad Tilkerode (Mengen, Daten, Geopark).
- Johann Ludwig Carl Zincken: Der östliche Harz, mineralogisch und bergmännisch betrachtet (Braunschweig 1825).
- Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Abt. Dessau: Bericht Zinckens 1825, Signatur Z 18, B 2g 4 Nr. 686; historische Bergbaukarte 1769, Slg. 23, IV/284; Wiederaufnahme 1935–1937, Z 134, Nr. 189.
- Künker: Numismatische Beschreibung des Golddukaten 1825; Auktion 391, Los 722 (2023), Zuschlag 8.000 Euro.
- Ma, Förster & Grundmann (2020): Tilkerodeite, Pd₂HgSe₃, a New Platinum-Group Mineral…, Crystals 10, 687.